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Auf mich allein gestellt


© Quarterl1fe

In späten Jugendjahren ordnete das Jugendamt meinen Umzug in eine Jugendhilfeeinrichtung an. Seither habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner leiblichen Familie. In der Wohngruppe lebte ich mit acht Jugendlichen aus ähnlichen Verhältnissen. Man bekam daher mit, mit welchen Konflikten die anderen zu kämpfen hatten. Am Ende gab es immer die gleiche, spannende und zu klärende Frage: „Geht es wieder zurück oder woanders hin?“ Jene, die wieder nach Hause zogen, verfielen meist in alte Verhaltensmuster, brachen die Schule ab oder landeten in der Klinik. Viele beendeten oder schränkten den Kontakt zu Familie ein und starteten einen Neuanfang.

Auch in einer harmonischen Familie ist es ein Stück weit erforderlich sich zu distanzieren, um eine eigene zu gründen, einen eigenen Weg zu gehen und andere Prioritäten im Leben zu setzen. In meinem Fall musste ich mir darüber keine Gedanken machen, denn für mich war klar, dass es keinen Kontakt mehr geben wird und damit auch nichts mehr zu besprechen – das dachte ich zumindest.

Nach dem Auszug aus der Jugendhilfeinrichtung suchte ich mir eine erste eigene Wohnung. Zu dieser Zeit besuchte ich noch die Schule, so dass ich Arbeitslosengeld II beantragen musste. Das Amt verwies mich auf die gesetzliche Grundlage, dass ich, bis ich 25 Jahre alt sein würde, im Haushalt der Eltern zu leben habe. Etwas, das nicht möglich war, weder bei meinen Eltern noch bei anderen Verwandten. Mit Anträgen konnte ich zum Glück eine Sonderregelung erreichen.

Als ich dann auch das Kindergeld für mich selbst beantragen wollte, hieß es, das können nur die Eltern. „Es heißt zwar Kindergeld, doch ist es eine finanzielle Entlastung für die Eltern.“ Bis zu meinem Auszug hatte das Jugendamt mein Kindergeld erhalten. „Die EDV-Software benötigt trotzdem zwingend die Unterschrift eines Elternpaares.“ Mir war vor Ort noch klar, dass ich mit netten Worten hier nicht weiterkommen würde. Eine Woche später reichte ich meinen Abzweigungsantrag ein und das Kindergeld würde mir überwiesen.

Ein Jahr später stellte die Familienkasse die Zahlungen einfach ein. Die Konsequenzen spürte ich sofort. Mein halbes monatliches Einkommen war weg. Statt 400 hatte ich 200 Euro zum Leben. Es dauerte Monate, bis ich den Grund herausfand, doch die Post der Familienkasse wurde standardisiert an meine Mutter gesendet. Es war ein Schreiben mit der Bitte um eine aktuelle Schulbescheinigung, obwohl eine aktuelle noch vorlag. Da ich dem nicht nachkam, hatten sie die Zahlungen eingestellt. Ich musste erneut Kindergeld beantragen, was gut acht Wochen in Anspruch nahm. Hätte ich nicht bei Freunden mitessen können, hätte ich die Suppenküche aufsuchen dürfen.

Mein Menschenbild litt unter dem Stigma und den Kommentaren wegen des Arbeitslosengeldes.„Ich bin ja nie in so eine Schiene geraten.“ Oder von den Sachbearbeitern der Agentur:„Termin morgen um 8 Uhr, Sie haben ja Zeit.“

Ich antwortete, Nein, da bin ich in der Schule. Die Antwort hatten sie wahrscheinlich nicht so oft gehört. Für mein Schulpraktikum wählte ich tatsächlich diese Agentur, und für eine Woche durfte ich auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen. Diesen Spaß wollte ich mir nicht nehmen. Auch wenn die Arbeit dort alles andere als spaßig ist.

Ich besuchte zu der Zeit das kaufmännische Berufskolleg, um mein Abitur nachzuholen. Ich durfte monatlich bis zu 100 € dazu verdienen, eine Chance, die ich nutzte. Ich ging zwei Jahre lang Zeitung austragen, denn es ist gar nicht so leicht einen Job zu finden, der nur höchstens 100 € im Monat Gehalt einbringt. Ein großes Vermögen konnte ich damit aber nicht ansparen. Das war schwierig, denn inzwischen stand mein Umzug ins Studentenwohnheim an, und ich konnte weder den Umzug noch die Kaution oder den ersten Semesterbeitrag von diesem Einkommen bezahlen. Das Jobcenter hätte die Umzugskosten vollständig übernommen, wenn ich eine Arbeit oder Ausbildung angetreten hätte. Für ein Studium galt dies aber nicht. Ich nahm daher einen Kredit auf und ich war froh, dass mir einer gewährt wurde, denn ich hatte niemanden, der für mich bürgte.

Für die Studienzeit beantragte ich BAföG und musste die Lohnnachweise meiner Eltern einreichen. Dinge, die einfach nicht in meiner Macht lagen. Als ich meinen Vater schriftlich aufforderte dieser Bitte nachzukommen, bekam ich Post von seiner Anwältin, die direkt vortrug, dem nicht nachzukommen und notfalls auch vors Gericht zu gehen.

Ich war damit einverstanden, dass ich irgendwo anders etwas ganz allein aufbauen musste - aber ich war nicht damit einverstanden, dass man mir Steine in den Weg warf. Daher verklagte ich meinen Vater wegen ausbleibenden Kindesunterhaltszahlungen und erstattete Strafanzeige. Ich erhielt gut drei Jahre später eine Nachzahlung im geringen vierstelligen Bereich. Er überwies am letzten Tag der Frist, einen Tag vor seinem Geburtstag. Ich überlegte lange, ob ich das Geld spenden oder es ihm zurücküberweisen sollte, denn in dieser Sache ging es mir keineswegs ums Geld, sondern um die Steine, die im Weg lagen.

Ich spürte sehr lange und deutlich wie abhängig ich - bürokratisch betrachtet – noch von meiner Familie war, obwohl ich seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen hatte. Obwohl ich eigenständig in meiner Wohnung lebte, zu keiner Zeit arbeitslos war, gute Schulnoten hatte und selbst für mich sorgte. Wegen diverser Anliegen musste ich immer wieder den Kontakt zu meiner Familie suchen, obwohl einst ein Gericht doch angeordnet hatte, dass ich ohne Umwege von dort weg sollte. Mein gesamtes Hab und Gut war für mich bereits gepackt gewesen. Ich hätte es auch sehr gerne bei diesem Abschied belassen, doch das war bzw. ist leider nicht ganz möglich. Ein sehr unschönes Gefühl. Ich verfiel schließlich in Depressionen und machte meine erste Erfahrung auf der Intensivstation. Ich werde nie vergessen, wie die Pflegerin mich fragte, wen sie anrufen solle und mir nicht glauben wollte, dass es da niemanden zum Anrufen gäbe. So makaber es an dieser Stelle auch ist, so war ich noch jahrelang gezwungen in der Familienversicherung zu bleiben. Erst mit Mitte Zwanzig konnte ich mich selbst studentisch versichern und damit eine weitere Fessel lösen.

Viele würden an dieser Stelle nun das deutsche starre, bürokratische System anprangern. Ich war auch so jemand. Doch heute sehe ich es anders.

Als ich ins Heim kam hatte ich kaum Klamotten, so dass mir das Jugendamt eine Grundausstattung finanzierte. Als ich altersbedingt für das berufliche Gymnasium nicht mehr in Frage kam, erhielt ich dennoch einen Platz, nachdem ich meinen verzögerten Schulweg begründete. Das Jugendamt hat mir auch mein erstes Digitalpiano finanziert. Heute verdiene ich Geld als Klavierlehrer. Als ich von der Jugendhilfeeinrichtung in meine erste Wohnung zog, habe ich Geld für einen ersten Hausstand erhalten. Nachdem ich das Gymnasium abgebrochen hatte, bezahlte mir die Agentur für Arbeit die Kosten für eine Prüfung, die mir ein universitäres Studium ohne Abitur ermöglichte. Im Studium erhielt ich dann BAföG, weil ich nachweisen konnte, dass mein Vater mir keinen Unterhalt leisten will. Als ich mein Studium wegen eines Klinikaufenthalts verlängern musste, wurde mir die BAföG-Förderung auch verlängert. Wieso sollte ich über ein zinsloses Darlehen von 10.000 € schimpfen, wenn ich begreife, dass ich in anderen Ländern niemals diese Chancen gehabt hätte? Es ist leicht das System zu kritisieren, aber offenbar schwer zu verstehen, in was für einem Land wir leben. Ich habe schneller einen Platz im Studentenwohnheim bekommen, als ich vortrug, dass dies mein einziger Wohnort sein wird. Als ich mir keinen Anwalt leisten konnte, wurde mir einer gestellt. Das alles war mit sehr viel harter Arbeit verbunden, aber am Ende hat man mir eine Chance gegeben und diese habe ich dankend ergriffen.


Mein Beitrag soll damit all jenen Mut machen, die einen Weg vor sich haben, der nicht durch ein sicheres Elternhaus geebnet ist.


 

© Tom Stephan

Tom Stephan (*25.07.1993 in Stuttgart) plant nach seinem Master die Promotion in Wirtschaftswissenschaften. Neben seinem Studium ist er Autor und freischaffender Künstler.

Mehr Eindrücke auf: www.tom-stephan.de





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