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Wer ist eigentlich dieser "Ich"?


© Quarterl1fe

Im Alter von 19 Jahren fing ich an, mich mehr und mehr von meinen Eltern zu lösen. Daniel (mein bester Freund) sagte mir zu dieser Zeit relativ oft, dass ich anfing mich zu verändern. Ich war jedes Mal besorgt, wenn er es sagte. Ich wollte so bleiben, wie ich war. Ich wollte nicht zu einer anderen Person werden. Heute weiß ich, dass die Veränderung das Beste war, was mir passieren konnte.


Auf der Suche nach meiner eigenen Persönlichkeit hatte ich oft das Gefühl, dass ich nicht ich selbst war. Das Gefühl hatte ich nicht nur meinen Eltern gegenüber, sondern auch bei Freunden. Auch vor Daniel war ich nicht wirklich ich selbst. Ich versuchte immer so zu sein, dass mein Gegenüber mich mochte. Ich verstellte mich eigentlich immer. Ich verstellte mich sogar teilweise mir selbst gegenüber. Da gab es einen „Ideal-Richard“, der ich sein wollte. Doch dieser Ideal-Richard war nicht kompatibel mit dem „echtem Richard“, der ich in Wirklichkeit war. Dennoch versuchte ich krampfhaft dieser Ideal-Richard zu werden, was mich unglücklich machte. An irgendeinem Punkt beschloss ich dann, mich von all diesen Persönlichkeitsvorstellungen zu lösen und mich selbst erstmal kennenzulernen.


Damals fing ich damit an, alte Einstellungen und Prinzipien zu verwerfen. Es waren teilweise Dinge, die ich von meinen Eltern übernommen hatte oder Dinge, die sich in meiner Kindheit und Jugendzeit herausgebildet hatten. Der Glaube an das Schicksal ging zusammen mit Lisa (mein damaliger Schwarm). Ich habe meine Einstellung zu Gefühlen geändert. Meine Eltern hatten mir in meiner Kindheit immer vermittelt, dass Gefühle etwas für schwache Menschen waren. Durch die Geschichte mit Lisa habe ich immer Negatives mit Gefühlen verbunden. Zusätzlich machte ich Gefühle dafür verantwortlich, dass sich die Welt in so einem schlechten Zustand befindet. Denn hinter fast allen Verbrechen stecken irgendwelche Gefühle. Sei es Hass, Angst oder Gier. In meiner Vorstellung war eine Welt ohne Gefühle eine bessere Welt. Das dachte ich aber nur, weil ich nicht mit ihnen umgehen konnte. Mit der Zeit machte ich meine eigenen Erfahrungen und bekam ein neues Verständnis für sie. Ich habe erkannt, dass nicht die Gefühle an sich das Problem sind, sondern der Umgang mit ihnen. Jemand, der keinerlei Kontrolle über seine Gefühlswelt hat, macht dumme Sachen. Das beste Beispiel dafür ist mein Vater, der oft aus Wut schlimme Dinge sagte. Es ist etwas, was man lernen muss. Ich dachte immer, dass Unterdrückung der beste Weg ist, um mit Gefühlen umzugehen, aber es ist eines der ungesundesten Sachen, die man tun kann. Es ist so, als würde man seinen Hunger unterdrücken. Irgendwann verhungert man und stirbt. Bei Gefühlen ist es ähnlich, nur dass man psychisch stirbt. Man fühlt sich lustlos und antriebslos. Je stärker die Gefühle sind, die man unterdrückt, desto lustloser und antriebsloser fühlt man sich. Ich habe eigentlich erst angefangen zu leben, als ich anfing zu lernen mit meinen Gefühlen richtig umzugehen. Gefühle machen das Leben erst lebenswert. Selbst Traurigkeit zähle ich dazu. Nach der Liebe war die Traurigkeit das Gefühl, mit dem ich am meisten Probleme hatte. Ich musste aufhören die Traurigkeit zu unterdrücken und sie unverarbeitet mit mir rumzuschleppen. Ich musste lernen, sie anzunehmen. Eine weitere Sache, die ich mir aus dem Kopf geschlagen habe, ist der „Repräsentationszwang“, dem ich folgte. Ich habe mir schon relativ früh in meiner Jugend darüber Gedanken gemacht, was für einen Einfluss meine Handlungen auf andere haben könnten. Es ist nun mal so, dass ich ein dunkelhäutiger Mensch bin und dass die Dinge, die ich sage oder mache einen Einfluss darauf haben, wie bestimmte Leute anderen dunkelhäutigen Menschen gegenübertreten. Mit bestimmte Leute meine ich Menschen, die andere Menschen gerne in Schubladen stecken und Vorurteilen folgen. Ich hatte ständig das Gefühl, eingeschränkt in meinen Handlungen zu sein. Ich wollte nicht, dass jemand anderes durch mein Missverhalten in irgendeiner Form einen Nachteil bekommt. Eigentlich ist das ja gar kein schlechter Gedanke und ziemlich verantwortungsvoll, aber eben auch ziemlich einschränkend, zumindest in dem Ausmaß, in dem ich es verfolgte. Als ich diesen Gedanken dann hinterfragte, erkannte ich, dass ich diesen Repräsentationszwang gar nicht hätte, wenn es keine Menschen geben würde, die meine Handlungen auf andere beziehen, also in Schubladen denken. Das Problem sollte man an der Wurzel packen, indem man das Schubladendenken aus den Köpfen solcher Menschen streicht. Ich sah es dann auch nicht mehr ein, mich von dem falschen Denkkonzept dieser Menschen einschränken zu lassen.


Etwas später begann ich mich auch mit der Welt zu beschäftigen. Die Realität, die mir von meinen Eltern und der Schule vorgegeben worden war, fing an auseinanderzufallen. Ich begann die Welt zu sehen, wie sie wirklich war, ungeschönt sozusagen. Ich sah die Welt nun mit ihren ganzen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, was mich in eine Art Schock versetzte. Denn die wichtigen Wertevorstellungen wie Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit und Nächstenliebe, die ich in der Kindheit vermittelt bekam, fand ich kaum wieder. Stattdessen wurde ich mit einer brutalen Welt konfrontiert. Auch wenn ich es gewollt hätte, hätte ich die ganzen Probleme nicht ausblenden können. Ich hasste mich auch jedes Mal ein Stück mehr, wenn ich an einem obdachlosen Menschen vorbeiging, ohne etwas zu spenden. Manchmal beneide ich Leute, die dazu fähig sind. Es belastete mich, obwohl ich von all den Problemen nicht betroffen war. Weder von Hunger noch von Armut oder Gewalt oder Unterdrückung oder Gefangenschaft.


Der Begriff der Menschlichkeit versprach für meinen Geschmack zu viel. Wenn man von Menschlichkeit spricht, denkt man oft an Gerechtigkeit, Liebenswürdigkeit und Gewissenhaftigkeit. Im Umkehrschluss denkt man bei Unmenschlichkeit an Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Skrupellosigkeit. Doch genau dies finden wir bei der Menschheit wieder. Gedankenexperiment: Stell dir mal vor, dass die gesamte Menschheit urplötzlich verschwinden würde und Aliens unseren Planeten entdecken würden. Diese Aliens würden auf der Erde landen und ein Buch finden, das die komplette Menschheitsgeschichte beinhaltet mit ihren ganzen Kriegen, Liebesgeschichten, Errungenschaften, einfach alles. Was glaubst du würden die Aliens denken, nachdem sie das Buch gelesen haben? Wie glaubst du würden sie Menschlichkeit definieren? Das waren die Themen, die mir durch den Kopf gingen, und ich musste erst lernen, wie ich mit diesen Gedanken am besten umging, denn ignorieren wollte ich sie nicht. Ich begann ein Bewusstsein über meine Handlungen zu entwickeln: Was sage ich und was sage ich damit aus? Was kaufe ich und was für einen Einfluss hat es? Mit wem chille ich und warum eigentlich? Was mache ich gerade und was möchte ich gerade eigentlich tun? Ich habe praktisch mein ganzes Leben, mein ganzes Dasein auf den Kopf gestellt und alles in Frage gestellt. Das Ergebnis war, dass ich viele Freunde verloren habe. Ich habe erkannt, dass ich mit vielen Menschen eine Freundschaft führte, obwohl sie gar nicht freundlich zu mir waren. Wobei die Freundlichkeit eine Voraussetzung für die Freundschaft sein sollte, oder? Einige Freunde verließen aber auch mich, weil es ihnen nicht gefiel, wie ich mich veränderte. Dass ich auf einmal von weniger Leuten umgeben war, brachte mich zum Zweifeln. Doch die Zweifel hielten nicht lange, da Daniel, der mich damals schon am längsten kannte, meine Entwicklung positiv bewertete. Ja, er sagte „Entwicklung“ und nicht Veränderung. Er meinte, dass es das erste Mal sei, dass er bei mir so etwas wie Egoismus erkannte, da ich anfing das zu machen, worauf ich Lust hatte. Diese Worte gaben mir genug Mut, um die Richtung, die ich eingeschlagen hatte, weiterzuverfolgen. Und da, wo alte Freunde gingen, kamen schon neue. Ich freundete mich mit Leuten an, die ich eigentlich schon kannte und von denen ich dachte, dass sie langweilig wären. Aber das war gar nicht der Fall. Sie waren auch cool, nur auf einer anderen Weise. Tatsächlich verstand ich mich auch besser mit meinen neuen Freunden als mit den alten.

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen und meiner Vergangenheit war nicht immer leicht, aber sie half mir, ein besseres Verständnis von meinem „Ich“ zu bekommen. Und je mehr ich mich damit beschäftigte, desto besser kam ich auch mit der Gegenwart klar.


 

© Richard Oppong

Richard Oppong, 23, ist ein Student und lebt in Hamburg. Neben dem Studium schreibt er gerne. Mit seinen Geschichten versucht er sich in den Welt einzuordnen und sich selber besser kennenzulernen.















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