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Neue Wege


© Quarterl1fe

Als sie es beendet, ist sie ruhig, gefasst. Die Entscheidung steht seit Tagen und die Tränen sind bereits geflossen. Es gibt keinen Grund mehr sich aufzuregen oder nervös zu sein. Die Worte, die sie sich zurecht gelegt hat wie Akten in einem Regal, verlassen langsam und geordnet ihren Mund. Nichts gerät durcheinander. Und ihr Kopf wird mit jedem Buchstaben leichter. Als sie fertig ist, hat sie so viel Gewicht verloren, dass sie beinahe anfängt zu schweben.


Er hört sich alles an. Erst reißt er überrascht die Augenbrauen hoch und dann, als er sieht, wie sie erleichtert aufatmet, schaut er sie an, wie ein Hund, der auf seinen Platz geschickt wurde. Und er tut ihr Leid und es tut ihr Leid, dass sie geht und dass sie unglücklich war und dass es ihr so leicht fällt zu gehen. So leicht, dass sie sich Mühe geben muss, am Boden zu bleiben.


Er ist nicht da, als sie ihre Sachen zusammenpackt. Viel ist es nicht. Die Möbel wird er behalten – es sind seine. Sie verlässt die Wohnung mit zwei Koffern voller Kleidung, drei Kartons mit Thrillern und einem leeren Wäschekorb. Erinnert sich daran, wie sie dieselben Dinge vor drei Jahren aus ihrem Corsa hinein getragen hat. Sie hat nicht gedacht, dass es halten würde. Auch damals nicht. Er hat von der Zukunft gesprochen. Von einem Haus mit Garten. Sie hat nur an Morgen gedacht. Vielleicht an nächste Woche.


Ihren Schlüssel legt sie von innen vor die Tür. Dann sieht er gleich, dass sie fort ist, wenn er wiederkommt. Sie will ihn nicht anrufen, ihm keine Notiz hinterlassen. Ihre Worte ist sie schon losgeworden. Mehr hat sie nicht. Sie zieht die Tür mit Schwung hinter sich zu und schließt die Augen, um sich auf den Knall zu konzentrieren. Die letzte Note ihrer gemeinsamen Melodie.


Der Corsa kennt den Weg. Er trägt sie fort, als sie selbst noch kein Ziel vor Augen hat. Prescht voraus wie ein ungeduldiges Pferd und lässt die Wohnung zurück und ihn und alles, was ihr Leben war. Verbannt es in den Rückspiegel, der ihr bald darauf nichts mehr Vertrautes zeigt. Das Radio spielt „Queen“ und sie singt mit, so laut, wie man es nur alleine tut. Straßenschilder, Backsteinhäuser, Wiesen und Bäume rennen auf sie zu und dann links und rechts an ihr vorbei. Mit jedem Meter atmet sie ruhiger, lächelt breiter, lebt freier. Ohne Gepäck. Nur der Corsa verlässt sie nicht.

Im Radio werden die Nachrichten gesendet. Sie schaltet es aus und lauscht dem Geräusch der Reifen auf dem Asphalt, bis der Corsa sein Ziel erreicht.


Das Ortsschild ist verblichen, aber der Name darauf spielt ohnehin keine Rolle. Er ist unverbraucht, nicht mit Erinnerungen befleckt. Der Corsa parkt am Straßenrand und sie streicht noch einmal über das Leder des Lenkrades. Dann steigt sie aus. Als sie die Autotür zuschlägt, klappt sie auch den Band zu. Doch im Regal wartet schon der nächste. Die neuen Seiten riechen noch nicht. Auf ihnen steht noch kein einziger Buchstabe.


Sie atmet ein. Und fängt an zu schreiben.


 

© Susan Faber

Susan Faber ist in Bocholt geboren und aufgewachsen. Sie hat in Lüneburg und Mönchengladbach Kulturmanagement studiert. Derzeit lebt sie in Münster, arbeitet an ihrem Debütroman und schreibt Kurzgeschichten. Im Quarterlife fühlt sie sich - nach einigen Umstrukturierungen, die sie im Text zur Quarterlife Crisis auch literarisch verarbeitet hat – angekommen. Und das ist ein Gefühl, was für sie ebenso unbekannt wie wundervoll ist.




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